Grußwort von Marc Geschonke

Marc Geschonke, Foto von: Tronquet

Marc Geschonke, Foto von: Tronquet

Menschen für eine gute Sache zu begeistern, ist nicht allzu schwer. 
Menschen für eine gute Sache zu aktivieren, schon etwas mehr. 

„Einen Nachmittag lang? Na, wird schon irgendwie gehen. Wie, gleich eine ganze Woche? Puh, nur unter Protest. Oh, mehr als 20 Jahre? Ach bitt‘schön, völlig unmöglich!“

Und dennoch gibt’s den Präventionsrat Oldenburg nun schon seit mehr als zwei Dekaden: Unternehmen, Einrichtungen, Behörden, Vereine und Gruppen – dahinter allesamt Menschen –, die es sich nicht nehmen lassen, für die gute Sache aktiv zu sein. 
Die PRO sind. Nicht Contra. 
Für. Nicht gegen. 

Dabei führten die ersten Schritte des Präventionsrates noch durch einigermaßen unwegsames Gelände. „Gut ein Jahr nach seiner Gründung fällt die Bilanz des Oldenburger Präventionsrates eher mager aus“, schrieb die lokale Presse im März 1999. Und schlimmer noch: „Das allgemeine Interesse an dem lange Zeit umstrittenen Präventionsrat scheint ohnehin nur gering zu sein.“ 

Die Akteure gaben indes nicht auf, weder sich und ihren Präventionsgedanken – noch diese immense Zielgruppe: Alle. 

Der einige Monate später gegründete Förderverein sicherte schließlich die Arbeit ab und gab den bis dato zwar ehrbaren, aber dennoch nur vagen Gedankenspielereien einen validierten Handlungsauftrag. Doch wofür das alles? Weshalb leistet sich eine Stadt wie Oldenburg einen Präventionsrat, wenn die hiesigen Probleme doch so überschaubar scheinen? Nun, das Sicherheitsgefühl ist bekanntermaßen fragil, nicht jeder Konflikt offensichtlich, nicht jeder Riss im sozialen Netz flickt sich von allein. 

Retter retten, Richter richten. So wichtig sie für eine funktionierende Gesellschaft sind, so leidlich kann ihr Wirken nur die Reaktion auf ein Geschehen sein. Gefahr steckt in Taten wie in Worten. Gewalt findet sich im öffentlichen Raum, doch nicht minder im Verborgenen. Wie also dem Übel zuvorkommen ohne zu bevormunden? Wie Pädagogik und Liebe sinnvoll wie strategisch ergänzen? Wie das Mit- und Füreinander erhalten, obschon die Welt sich immer schneller dreht, die Globalisierung immer mehr den Eigendünkel zu fördern droht? 

In Zeiten, da die eigene Trennlinie zwischen Fake und Fakt immer schwieriger zu setzen ist, können Bildung, Respekt und Selbstsicherheit als Koordinaten dienen. Wer die Menschen, diese Demokratie und ihre Werte vor einer beständig drohenden Destabilisierung und damit einhergehender Verunsicherung schützen möchte, muss deshalb frühzeitig ansetzen und aufklären. 
Im Großen wie im Kleinen. 

Der Präventionsrat hat beobachtet und bewertet, Schwächen im System erkannt, vernetzt, vermittelt, Ressourcen genutzt und das Thema Prävention mit all seinen Facetten in Oldenburg verankert – ganz ohne erhobenen Zeigefinger, ganz ohne Zwangsmaßnahmen. Hat die Stadtgesellschaft fast unbemerkt mit Stärke unterwandert, ihr Kraft für Zivilcourage und Mut zur Verantwortung gegeben. 

Nichts, was sich aktionistisch von heute auf morgen etablieren ließe. Was es aber auch gar nicht soll. Denn die Arbeit des Präventionsrates ist auf Nachhaltigkeit angelegt: auf eine Erneuerung der Gewohnheiten, auf eine langfristig zu lebende Gesellschaftskultur, in der sich Bürgerinnen und Bürger gut und sicher fühlen können. In der sie ihre Mitmenschen nicht kontrollieren, sondern auf sie achtgeben. In der sie nicht schweigsam wegschauen, sondern auf Unrecht hinweisen. In der sie nicht hilflos geschehen lassen, sondern agieren, aufstehen, eingreifen. Es ist der kategorische Imperativ in der oldenburgischen PRO-Version: „Schau hin! Sag was! Tu was!“ Und das alles in einer Stadt, die Prävention als selbstverständlich versteht. PRO Mensch. Nicht gegen.



Marc Geschonke
Redakteur Presse- und Informationsamt der Stadt Münster seit 2019
Redakteur der Nordwest-Zeitung von 2015-2019